Wir Raucher sind ja einiges gewöhnt. Seit fast vierzig Jahren droht man uns pausenlos damit, wir würden eines frühen und schrecklichen Todes sterben, falls wir mit dem Rauchen nicht aufhören. Jetzt werden wir also dazu auch noch beschuldigt, nicht nur selbst Selbstmord auf Raten zu begehen, sondern durch unser Rauchen auch ahnungslosen unbeteiligten Nichtrauchern Siechtum und vorzeitigen Tod zu bringen. 3301 Nichtraucher sollen es sein, die jedes Jahr dem Passivrauch zum Opfer fallen. Und wo einer zum Opfer wird, muss ja wohl ein anderer der Täter gewesen sein. Das wären in diesem Fall also wir, die Raucher.
Bislang sind es nur einige wenige Verwirrte, die Raucher ganz unverhohlen als Mörder beschimpfen, aber diese Wirrköpfe haben trotz allem besser als die meisten anderen verstanden, was für eine Beschuldigung sich hinter der Sache mit den Passivrauchtoten verbirgt: Wenn Rauchen tatsächlich massenhaft Nichtraucher vorzeitig aus dem Leben reißt, dann ist jeder Raucher, der in Gegenwart eines Nichtrauchers eine Zigarette anzündet, ein potentieller Mörder.
So einfach ist das.
Oder vielmehr: So einfach wäre das, wenn es denn wahr wäre. Aber das ist es nicht.
Kunstprodukte made in Heidelberg
Wer sollen diese Toten eigentlich sein, deren Leben wir auf dem Gewissen haben sollen? Dass jemals ein Totenschein mit der Todesursache "Passivrauch" ausgestellt worden wäre, davon haben Sie ja ganz bestimmt auch noch nie etwas gehört. Die Antwort lautet:
Wissenschaft oder Kaffeesatzleserei? Teil 1
Passivraucher leben länger? Das Alter vor allem sollte zu denken geben, in dem die angeblichen Passivrauchtoten gestorben sein sollen: Ein Drittel war älter als 85, ein weiteres Drittel älter als 75 Jahre alt. Zum Vergleich: Das Durchschnittsalter aller im Jahr 2006 insgesamt Verstorbenen (vom Säugling bis zum Greis) lag bei 76,5 Jahren. Damit wäre die Mehrheit der Passivrauchopfer sogar überdurchschnittlich alt geworden.
Diese Toten gibt es gar nicht. Sie sind eine rein statistische Größe aus einer Studie* des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, vergleichbar der berüchtigten "Durchschnittssekretärin" eines gewissen Professors, der ebenfalls aus Heidelberg kam. Diese Frau, so wurde die staunende Wählerschaft während des Bundestagswahlkampfs 2005 belehrt, sei teilweise verheiratet, habe 1,3 Kinder und ein Jahreseinkommen von 40.000 Euro.
Genauso wenig, wie Sie einer Frau wie dieser jemals auf der Straße begegnen können, werden Sie auch nie Name und Anschrift eines der angeblichen 3301 Passivrauchtoten erfahren. Außerhalb von Statistiken existieren sie beide nicht.
Eine Studie, die keiner gelesen hat
Das ist aber noch längst nicht alles, was mit den 3301 angeblichen Passivraucheropfern nicht stimmt. Das erfährt man allerdings nur, wenn man die Passivrauchstudie einmal durchliest - und zwar sorgfältig! Das hat der Schelm gemacht, und es war für ihn eine ziemliche Quälerei, weil sie viel komplizierter zu lesen ist, als sie es eigentlich sein müsste:
Wissenschaft oder Kaffeesatzleserei? Teil 2
Zahl der Passivraucher Wie viele Menschen überhaupt passivrauchende Nichtraucher sind, ist nur für die Altersgruppe bis 79 Jahre schon einmal untersucht worden; diese Daten wurden für die Passivrauchstudie einer Umfrage des Robert-Koch-Instituts entnommen, dem sogenannten "Bundes-Gesundheitssurvey 1998*". Woher das DKFZ die Zahlen für die Altersgruppe ab 80 Jahren hat, die immerhin ungefähr die Hälfte aller Todesfälle umfassen soll, das hat es leider noch keinem von denen verraten wollen, die danach gefragt haben. Ein Schelm also, der vermutet, diese Daten wurden einfach aus dem Kaffeesatz gelesen ...
Sie ist voll mit Fachchinesisch, mit Formeln, Zahlen und Tabellen und unzähligen Verweisen auf Quellenangaben in Fußnoten, zu denen man dauernd hin- und herblättern muss, wenn man wissen will, woher die Angaben in der Studie überhaupt stammen.
Das komische Gefühl, auf diese Weise sollten lästige Leser von vornherein abgeschreckt werden, hat noch einen zweiten Grund: Gleich am Anfang jedes Kapitels befindet sich nämlich eine kurze Zusammenfassung des Kapitels in ganz einfachen Worten. Ein Schelm, der nun vermutet, dass die allermeisten Politiker, die behaupten, die Studie gelesen zu haben, es in Wirklichkeit nie über diese bequemen Zusammenfassungen hinausgeschafft haben. Unter den vermutlich eher wenigen Lesern, die sich den kompletten Text zugemutet haben, fanden sich allerdings etliche, auch Fachleute, die sich sehr über ihn gewundert haben. Bei näherem Hinsehen ist nämlich einiges an dem, was da geschrieben steht, ziemlich seltsam.
So, und jetzt hat der Schelm ein Problem: Es ist nämlich unmöglich, alles, was an dieser Studie komisch ist, in einem einzigen Faltblatt aufzulisten und zu beschreiben, dafür wären auch zwanzig Seiten noch sehr knapp.
Wissenschaft oder Kaffeesatzleserei? Teil 3
Vergleichen unmöglich "Ungefähr die Hälfte": Das hat der Schelm in Teil 2 deshalb geschrieben, weil er es genauer leider nicht sagen kann. Die Einteilung der Altersgruppen in den Tabellen der Studie passt nämlich nicht zu denen in der Umfrage. Hat man nachgelesen, wie viele Leute im Alter zwischen 70 und 79 Jahren "Passivraucher" sind, und will nun wissen, wie viele von denen am Passivrauch gestorben sein sollen, dann stellt man fest, dass die Tabelle mit den Todesfällen eine Altersgruppe von 70 bis 79 gar nicht enthält, nur eine der 65- bis 75-Jährigen und eine der 75- bis 85-Jährigen. Da haben also die Fachleute, die die Tabellen gemacht haben, anscheinend gar nicht gemerkt, dass sie allen, auch anderen Fachleuten, einen Vergleich unmöglich gemacht haben. Ein Schelm, der da auf den Gedanken kommt, dass vielleicht ja auch irgendjemand nicht will, dass seine Zahlen zu genau unter die Lupe genommen werden.
Außerdem hat der Schelm ja gelesen, was die Wissenschaftler vom DKFZ einem gewissen Professor Romano Grieshaber, immerhin ein ausgewiesener Fachmann für Prävention und Gesundheitsförderung, zur Antwort* gegeben haben, als der von ihnen wissen wollte, warum in der Studie manches steht, was seiner Meinung nach überhaupt keinen richtigen Sinn ergibt. "Alleine schon, dass Sie das fragen, zeigt, dass Sie von diesen Dingen gar nichts verstehen!", behaupteten sie da ganz einfach. "Und außerdem zeigen Ihre Fragen, dass Sie von der Tabaklobby gekauft sein müssen!"
Eine Antwort auf seine Fragen bekam der Professor nicht. Und was würden sie da wohl erst zu einem einfachen Schelm ohne Professorentitel sagen, der ihnen widerspricht?
Aber so genau wie die Wissenschaftler müssen wir hier eigentlich auch gar nicht sein. Dass an der ganzen Sache etwas oberfaul sein muss, erkennt man nämlich schon an Beispielen, die jeder Volksschüler verstehen kann, davon können Sie sich selbst überzeugen. Wenn Sie sich für die genaueren Einzelheiten interessieren oder wissen wollen, was sonst noch alles an dieser Studie nicht stimmt - und das ist nicht wenig! -, dann können Sie das, was Professor Grieshaber*, aber auch andere Fachleute* in der Passivrauchstudie alles an Fehlern, Unklarem und Widersprüchlichem gefunden haben, im Internet nachlesen.
Wissenschaft oder Kaffeesatzleserei? Teil 4
Ungleiche Passivrauchmenge - gleich großes Risiko? "Halten Sie sich tagsüber oder abends häufig in Räumen auf, in denen geraucht wird?" - diese Frage wurde in der Umfrage gestellt. Wenn einer dazu "Ja" antwortete, kann er aber ganz verschiedene Dinge gemeint haben: Zum Beispiel eine einzige Zigarette am Tag, die der Partner am Abend immer am offenen Fenster raucht. Aber ein anderer kann damit gemeint haben, dass er als Nichtraucher jeden Tag acht Stunden lang mit drei Kettenrauchern im gleichen Büro sitzt. Angenommen, Passivrauch kann krank machen: Hätte man etwa in beiden Fällen genau das gleiche Risiko, vom Passivrauch krank zu werden?
Ja, behauptet diese Studie: Tabakrauch enthalte so schrecklich gefährliche, krebserregende Inhaltsstoffe, dass man davon ja sogar schon krank werden könne, wenn sich nur wenige Moleküle davon in der Luft befinden. Was für ein Unsinn damit schon wieder behauptet wird, das ist eigentlich schon wieder ein Thema für eine andere Ausgabe des Schelm. Aber dass es die Dosis ist, die das Gift macht, das weiß man eigentlich schon seit Paracelsus, und der lebte vor fünfhundert Jahren. Nur das DKFZ hat von dieser alten medizinischen Erkenntnis offenbar noch nie etwas gehört.
Was steckt dahinter?
Bei der Frage nach dem Warum und Wozu muss sich der Schelm ins Reich der Spekulation begeben, denn anderen Leuten in die Köpfe schauen kann er ja auch nicht. Die Frage, warum eine Studie, die so voller Ungereimtheiten ist, überhaupt veröffentlicht wurde, ist aber so wichtig, dass sie nicht unter den Tisch fallen darf.
Sollte bei der Studie vielleicht von vornherein nur eine möglichst hohe Zahl von toten Nichtrauchern als Ergebnis herauskommen? Und wenn ja, warum? Etwa, weil ohne die kein Rauchverbot hätte durchgedrückt werden können?
Solche Dinge muss der Schelm sich fragen, auch deshalb, weil er sich einfach nicht vorstellen mag, dass unsere Wissenschaftler vielleicht immer so schlampig arbeiten und es damit also ganz normal wäre, wenn bei ihren Forschungen haufenweise Fehler eingebaut sein sollten. Aber das wirft gleich eine neue Frage auf, die genauso wichtig ist:
Was hat das DKFZ überhaupt von einem Rauchverbot in Gaststätten?
Das DKFZ ist nicht irgendwer; es ist eine Institution mit einem guten Namen. Und davon, ein Rauchverbot herbeizuschreiben, hat es vermutlich gar nichts. Beim Tabakkontrollzentrum* am DKFZ, das die Passivrauchstudie erstellt hat, ist das aber ein bisschen anders. Das wurde von der Weltgesundheitsorganisation WHO in Heidelberg mit einem ganz bestimmten Auftrag gegründet: Dafür zu sorgen, dass in Deutschland weniger - am liebsten: gar nicht mehr - geraucht wird.
Dass das Rauchen uns umbringen werde, das hat es uns immer wieder gesagt, und trotzdem haben wir nicht aufgehört. Die Tabaksteuer wurde erhöht, aber immer noch rauchen wir. Es ist zum Verzweifeln, wie viele Schwierigkeiten wir Raucher dem Tabakkontrollzentrum machen, seinen Auftrag zu erfüllen. Das kann der WHO kaum gefallen.
Gäbe es also den Passivrauch nicht - durch den unsere Freunde, Kollegen und unsere Familie durch unsere Schuld einem grässlichen, frühen Tod geweiht seien, wie sie behaupten - dann müsste ihn das Tabakkontrollzentrum glatt erfinden.
Und nun wird also eine Studie als Beweis dafür vorgezeigt, dass die Gefährlichkeit des Passivrauchs "unzweifelhaft wissenschaftlich erwiesen" sei. Ein Schelm, der sich da fragt, warum ein wissenschaftliches Ergebnis, das vom Tabakkontrollzentrum offensichtlich so dringend gebraucht wurde, an so vielen Stellen wirkt, als wäre etwas, was eigentlich nicht passte, einfach passend gemacht worden. Und ein Schelm auch, der sich fragt, ob hier vielleicht ein vermeintlich guter Zweck ein sehr schlechtes Mittel geheiligt hat. Denn mit Wissenschaft hat so etwas natürlich überhaupt nichts mehr zu tun.
* Zu den Quellenangaben dieses Artikels
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